Netcracker schrieb:
... z.B. wenn du bei Arbeiten im Geräteinneren nicht selbst geerdet warst. ...
Leonie schrieb:
Hoffentlich ist das nicht passiert. In meinem Arbeitszimmer an der Uni lag ein Teppichboden, der in Kombination mit den Rollen an den Schreibtischsesseln ziemlich starke statische Aufladungen verursacht hatte. Da flogen manchmal schon Funken, wenn man nur das Gehäuse angefasst hat. Teppichboden und Stühle auf Rollen sind eine fatale Kombination, wenn man nicht geerdet ist und an einem Computer herumschraubt.
Dazu möchte ich — verbunden mit den besten Wünschen, dass dem TO derartige Schäden erspart geblieben sind — noch eine Erfahrung aus meiner früheren Tätigkeit in der elektronischen Forschung und Großindustrie ergänzen.
Dort galten äußerst strenge ESD-Vorgaben. Allen Beteiligten, von der Entwicklung bis hin zur operativen elektronischen Fertigung, war es strikt untersagt, diese Richtlinien zu missachten. Wiederholte Verstöße konnten durchaus arbeitsrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen.
Der Grund dafür war keineswegs übertriebene Vorsicht: Aus Fehleranalysen war bekannt, dass Bauteile oder Geräte eine elektrostatische Entladung zwar zunächst scheinbar unbeschadet überstehen können, dabei aber latent vorgeschädigt werden. Solche Endgeräte gelangen dann unter Umständen in den Handel und damit zum Kunden, fallen jedoch früher oder später aus. Für ein Großunternehmen, das unter anderem weltweit für namhafte Firmen fertigt, kann dies erhebliche Folgen für Qualität, Kosten und Reputation haben.
Nicht ohne Grund bietet auch iFixit entsprechende ESD-Schutzmaßnahmen an — und das völlig zu Recht.
Maßgebliche Grundlage für ESD-Schutzmaßnahmen ist im europäischen und deutschen Normenumfeld insbesondere die Normenreihe IEC 61340 beziehungsweise DIN EN IEC 61340. Für ESD-Kontrollprogramme in Bereichen wie Fertigung, Prüfung, Verpackung, Transport und Reparatur ist vor allem DIN EN IEC 61340-5-1 relevant. International stammt die Normenreihe von der IEC; in Deutschland erscheint sie als DIN-EN-IEC-Norm über DIN/DKE/VDE beziehungsweise DIN Media. Ergänzend ist im US-amerikanischen Umfeld ANSI/ESD S20.20 der zentrale Standard der EOS/ESD Association.
Ich weiß, dass gerade langjährige freie Reparateure, aber teilweise auch der Ersatzteilhandel für elektronische Komponenten, diesen Umstand mitunter unterschätzen oder sogar missachten — oft nach dem Motto: „Ich hatte deswegen noch nie einen Ausfall oder eine Reklamation.“
Aus meiner Sicht ist genau diese Haltung problematisch. Denn ESD-Schäden treten nicht zwingend sofort sichtbar auf. Sie können Bauteile auch latent vorschädigen, sodass ein Gerät zunächst funktioniert, aber später beim Kunden ausfällt.
Für mich zeigt sich an dieser Stelle sehr deutlich, wer ESD-Schutz als fachlich notwendige Maßnahme versteht — und wer ihn lediglich als theoretische Vorschrift oder lästige Formalität betrachtet. Gerade im Umgang mit empfindlicher Elektronik ist diese Unterscheidung durchaus ein Hinweis auf die jeweilige Fachkompetenz.
Liebe Grüße! 🌺